Berufsständische Versorgungswerke galten über Jahrzehnte als stabiler, verlässlicher Grundpfeiler der Altersvorsorge. Pflichtbeiträge, professionelle Kapitalanlage, langfristige Planungssicherheit – für viele Zahnärztinnen und Zahnärzte war das Thema damit im Wesentlichen abgehakt.
Die jüngsten Entwicklungen in mehreren Bundesländern zeigen jedoch:
Auch institutionelle Versorgungssysteme sind nicht frei von Fehlentscheidungen, Marktzyklen und strukturellen Risiken.
Das eigentliche Problem: Systemische Verwundbarkeit
Was derzeit auffällt, ist weniger der einzelne Verlustfall – sondern die Häufung ähnlicher Muster:
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hohe Engagements in komplexen Immobilienprojekten
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Beteiligungen an unternehmerischen Risikostrukturen
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Abschreibungen auf alternative Investments
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deutliche Wertkorrekturen bei illiquiden Anlagen
Dabei geht es nicht nur um einen Standort. Mehrere Versorgungswerke mussten zuletzt erhebliche Abschreibungen vornehmen, teils im dreistelligen Millionen- bis Milliardenbereich.
Das allein bedeutet noch keine akute Gefährdung der laufenden Renten.
Es bedeutet jedoch: Die Renditeannahmen der Vergangenheit waren teilweise zu optimistisch kalkuliert.
Und genau hier beginnt die strategische Relevanz für jede einzelne Praxisinhaberin und jeden Praxisinhaber.
Warum Versorgungswerke stärker ins Risiko gingen
Ein Blick zurück hilft beim Verständnis:
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Jahrelange Niedrigzinsphasen reduzierten die Erträge klassischer Anleihen.
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Gleichzeitig blieben Leistungsversprechen und Rechnungsgrundlagen bestehen.
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Um Renditeziele zu erreichen, wurde verstärkt in alternative Anlagen investiert.
Das ist grundsätzlich nicht falsch – Diversifikation gehört zu jeder professionellen Kapitalanlage. Problematisch wird es jedoch, wenn:
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Illiquidität zu hoch ist
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Risiken nicht ausreichend gestreut werden
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Entscheidungsstrukturen mit der Komplexität der Anlagen nicht Schritt halten
In einigen Fällen scheinen genau diese Punkte zusammengekommen zu sein.
Was das für Zahnärztinnen und Zahnärzte bedeutet
Nach aktueller Einschätzung sind die meisten Versorgungswerke weiterhin leistungsfähig. Dennoch sind mittel- und langfristige Effekte wahrscheinlich:
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geringere Rentenanpassungen
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steigende Beiträge
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restriktivere Regeln für freiwillige Einzahlungen
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weniger Spielraum für Leistungsverbesserungen
Für jüngere Versorgungsberechtigte ist besonders relevant: Die künftige Renditeentwicklung hat über Jahrzehnte einen erheblichen Hebeleffekt.
Der entscheidende Denkfehler: „Pflichtsystem = Sicherheit“
Ein Versorgungswerk ist kein Garant für Unverwundbarkeit.
Es ist ein institutioneller Kapitalanleger – mit allen Chancen und Risiken, die Kapitalmärkte mit sich bringen.
Wer seine Altersvorsorge ausschließlich auf einen einzigen Baustein stützt, trägt ein systemisches Klumpenrisiko – selbst wenn dieses System staatlich beaufsichtigt ist!
Strategische Konsequenzen: Vier pragmatische Schritte
1. Mitbestimmungsrechte nutzen
Vertreterversammlungen sind kein Formalismus, sondern Governance-Instrument.
2. Vorsorge systematisch diversifizieren
Eine robuste Altersvorsorge besteht aus mehreren Säulen. Je unabhängiger diese voneinander sind, desto stabiler das Gesamtsystem.
3. Einmalzahlungen nicht automatisch fortführen
Ob freiwillige Zuzahlungen noch attraktiv sind, hängt individuell von Rendite, Flexibilität und individueller Steuerplanung ab.
4. Praxis- und Vermögensstrategie verzahnen
Praxisverkauf, Liquiditätsplanung und private Kapitalanlage sollten stärker als Gesamtstrategie betrachtet werden – nicht isoliert vom Versorgungswerk.
Fazit: Stabilität entsteht durch Struktur, nicht durch Vertrauen
Berufsständische Versorgungswerke bleiben ein wichtiger Bestandteil der Altersvorsorge. Doch die jüngsten Entwicklungen zeigen:
Kein System ist immun gegen Fehlentscheidungen oder Marktzyklen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob das Versorgungswerk „sicher genug“ ist.
Sondern:
Ist meine gesamte Altersvorsorge breit, flexibel und krisenfest genug aufgestellt?